Gedanken zum Sonntag…
…von Gemeindereferentin Maria Freitag. – Im Evangelium von Sonntag hören wir die Seligpreisungen. Wie würden Sie das Wort selig übersetzen? Ein Wort, das in unserem Sprachgebrauch nicht mehr so häufig vorkommt. Ich höre es meist so: jemand ist selig, wenn er vollends glücklich ist, im Moment alles passt und sich ein Gefühl der Ruhe und des Friedens einstellt. Gebe ich das Wort in die Suchmaschine ein, erscheint folgende Definition: „von allen irdischen Übeln erlöst und des ewigen Lebens teilhaftig“.
Das klingt erstmal sehr erstrebenswert. Doch lesen wir die Seligpreisungen, folgen nach dem „selig seid ihr“ Dinge bzw. Zustände, die wir Menschen nicht so gern haben: Hunger, Armut, Verfolgung, Trauer, aber auch Barmherzigkeit, Sanftmut, Reinheit im Herzen. Ich bin ehrlich: Lange konnte ich mit den Seligpreisungen nicht viel anfangen, ich habe schlicht nicht verstanden, was Jesus eigentlich will. Soll es mir jetzt schlecht gehen? Und was heißt eigentlich arm sein vor Gott? Auch Barmherzigkeit und Sanftmut sind für mich eher fremde Begriffe gewesen.
Irgendwann habe ich es für mich folgendermaßen verstanden: Es ist paradox, und ich kann sie nicht mit dem Verstand verstehen, der gerne alles geradlinig und erklärbar hat. Richard Rohr definiert paradox folgendermaßen: „Paradox ist etwas, was zunächst ungereimt und widersprüchlich wirkt, jedoch in einem anderen Rahmen oder Licht betrachtet ganz und gar nicht widersprüchlich sein muss.“ Er sagt, Religion sei dazu da, uns Augen für das Paradoxe und Geheimnisvolle zu schenken. Ein neuer Blick, „neue“ Augen. Vielleicht auch eher ein umfassender Blick: nicht nur mit dem Verstand, sondern eben auch mit dem Herzen, mit dem Bauch, mit der Seele… Ich glaube, dass ich mich den Seligpreisungen betend nähern kann, indem ich das Widersprüchliche zulasse und versuche mit anderen Augen zu verstehen. Indem ich meine Erfahrungen, die ich im Leben mache, zulasse, betrachte und auch mit mehr als nur einem Auge sehe, auch und vor allem die vermeintlich schwierigen Erfahrungen.
Vielleicht muss ich die Seligpreisungen gar nicht „verstehen“. Vielleicht genügt es, mich ihnen auszusetzen, sie an mich heranzulassen und ihnen Zeit zu geben. Mit neuen Augen – und mit einem offenen Herzen.
Gemeindereferentin Maria Freitag



